Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (Halle) hat eine dritte Stellungnahme mit Empfehlungen für die Corona-Krise veröffentlicht. In dem 18-seitigen Papier vom 13. April 2020 mit dem Titel „Coronaviris-Pandemie – die Krise nachhaltig überwinden“, das bei Beratungen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten eine Rolle spielen soll, mahnen die Experten auch, Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu berücksichtigen.

In der dritten Ad-hoc-Stellungnahme beschäftigen sich die Leopoldina-Wissenschaftler*innen mit den sozialen, rechtlichen, psychologischen, wirtschaftlichen und pädagogischen Aspekten der Pandemie und beschreiben Strategien, die zu einer schrittweisen Rückkehr zur Normalität beitragen können. Sie appellieren aber auch an die Politik, dass alle politischen Maßnahmen, die nicht der unmittelbaren Rettung von Unternehmen dienen, sich auf nationaler wie internationaler Ebene am Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren müssen: „Der Aufbau einer klimafreundlichen Wirtschaft und eine konsequente Mobilitäts- und Landwirtschaftswende setzen wesentliche Impulse für Innovation und Wachstum. Dazu gehören die umgehende Einführung eines Preises für fossiles CO2, die schnellstmögliche Verabschiedung und Umsetzung der nationalen Wasserstoffstrategie sowie die Neuregelung des Strommarktes. Ziel muss ein starker europäischer ,Green Deal’ bleiben.“

Die Coronavirus-Krise habe „tiefe Spuren“ hinterlassen, „vor allem aber wegen der mindestens ebenso bedrohlichen Klima- und Biodiversitäts-Krise kann es nicht einfach eine Wiederherstellung des vorherigen Status geben“, schreiben die Wissenschaftler*innen. „Nicht zuletzt gilt es, aus den Erfahrungen mit der Coronavirus-Pandemie und ihren Ursachen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Die generelle Zunahme der Bevölkerung, Urbanisierung und globale Mobilität, die Vernichtung und Abnahme der Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen durch Landnutzungsänderungen und der Klimawandel tragen wesentlich zum Ausbruch von Epidemien und Pandemien bei.“

Die Leopoldina-Experten*innen fordern dazu auf, die Chance zu nutzen, die jetzt getätigten Investitionen und Programme nachhaltig auszurichten. So entstünde die „Freiheit der Beteiligten, die notwendigen Änderungen auf eine den jeweiligen lokalen und zeitlichen Gegebenheiten angemessene Weise umzusetzen, dringend nötige Technologieoffenheit beispielsweise bei der Energiewende herzustellen, regionale und globale Stoffkreisläufe zu schließen etc. Wird diese Chance vertan, so dürfte auf Grund der Größe der jetzigen Wirtschaftsprogramme ein später nötiges drastischeres Umsteuern extrem schwierig werden. Daher liegt in der Wahrnehmung dieser historischen Chance eine kaum zu überschätzende Verantwortung der Handelnden. Notwendig ist dabei eine transparente Kostendiskussion, die auch die massiven externen Kosten von Klima-, Umwelt- und nicht zuletzt daraus resultierenden Gesundheitsschäden berücksichtigt.“

Zwar ginge es zunächst darum, wirtschaftliche Aktivitäten so anzustoßen, dass die in diesem Jahr unvermeidliche Rezession nicht zu stark ausfällt, die Wirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad zurückkehrt, heißt es in dem Papier. „Dieser sollte allerdings stärker als zuvor von Prinzipien der Nachhaltigkeit bestimmt sein, nicht zuletzt, weil hierin enorme Potentiale für die wirtschaftliche Entwicklung liegen. Dies erfordert ein entschiedenes Handeln von Seiten der Wirtschaftspolitik. Aller Voraussicht nach werden jenseits der jetzt getroffenen Maßnahmen und trotz der im System angelegten automatischen Stabilisatoren (geringere Steuereinnahmen, arbeitsmarktpolitische Maßnahmen) weitere konjunkturpolitische Maßnahmen erforderlich sein.“

So fordern die Wissenschaftler*innen auf „der Ausgabenseite“ den „Abbau klima- und umweltschädlicher Subventionen. Dabei sollten strukturpolitische Zielsetzungen, etwa im Hinblick auf die öffentliche Daseinsvorsorge und den Schutz von Gemeinschaftsgütern speziell in den Bereichen Gesundheits-, Klima- und Ökosystemschutz, vorrangig berücksichtigt werden.“

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