Die letzten Monate zeigten uns überraschend vehement, wie schnell es gehen kann, alle täglichen Routinen, Konsumgewohnheiten und Lebensstile zu ändern und auf vieles zu verzichten, was uns lieb und wertvoll war. Vor diesem Hintergrund erscheint die fortgesetzte, umfassende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, prominent sichtbar durch die Klimakrise, nicht nur zynisch, sondern fahrlässig. 

Während Medien und Politik zumeist über den Klimawandel als ein merkwürdig abstraktes Wetterphänomen berichten liegen die Ursachen und Handlungsbereiche direkt vor unseren Füssen. Die planetaren Grenzen, wie sie die Stockholmer Forscher um Johan Rockström veröffentlichten, zeigen eindrücklich klar, wo die großen Herausforderungen liegen. Bedroht ist die funktionale Vielfalt aller Ökosysteme, indem die Landschaftsräume, Wälder, Steppen und Moore, aber auch die Ozeane durch Übernutzungen – Abholzung, industrielle Landwirtschaft, Überweidung, Überfischung und Vermüllung – aus ihrem natürlichen Gleichgewicht gestoßen und zerstört werden. Und es sind die biogeochemischen Kreisläufe von Stoffen wie Nitrat und Phosphor, die auf Böden, Gewässer und auf alle Lebensprozesse wirken und so die Ökosysteme und Nahrungsketten schwächen. Der Klimawandel ist nur ein prominenter Teil dieser lebensgefährlichen planetaren Umgestaltung zu Ungunsten des Homo sapiens.

Die Ursachen dieser lebensbedrohlichen und zukunftsgefährdenden Szenarien sind offenkundig, ebenso wie die Verursacher. Wir sind es selbst! Allen voran sind es die westlich-europäisch geprägten Industriegesellschaften, die mit imposanter politischer Macht und Dominanz ihre strategischen und wirtschaftlichen Interessen international durchsetzen. Mit Vehemenz wurden und werden immer noch stetige Produktivitätssteigerungen und unbegrenzt fortgesetzter Zuwachs von Finanzprofiten zum Synonym wirtschaftlichen Erfolges erklärt. Die regulatorischen und strategischen Partnerschaften, transnationalen Bündnisse und multilateralen Abkommen wurden jahrzehntelang auf diese einseitige ökonomische Kultur der Verwertung und des Verbrauches optimiert, auf dem Rücken und unter Ausnutzung der Ressourcen schwächerer Staaten, Wirtschaftsregionen und ihrer Menschen. 

Alles wird anders

Mit ihrem Ausspruch „there is no alternative“ begründete Margret Thatcher in den 1970ern die als t.i.n.a.-Prinzip bekannte Legitimationsfigur einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die Merkel und andere als „alternativlos“ im 21. Jahrhundert fortführen. Das apodyktische Beharren auf einer Wirtschaftsweise, die sich ihrer eigenen Produktionsgrundlagen beraubt, erinnert an die aufgeladene Glaubenspolitik, wie sie von der Inquisition im 17. Jahrhundert gegenüber Galilei vertreten wurde. Bis heute scheint die kugelförmige Gestalt unseres Heimatplaneten nicht wirklich in den Köpfen der Wirtschaftsführer*innen und Politiker*innen angekommen zu sein, noch immer ist die Welt in der Vorstellung vieler flach und unbegrenzt. Vielleicht ist es die Hybris der Generation der nachkriegsgeborenen Wirtschaftswunderkinder, an denen jegliche kritische Selbstüberprüfung abprallt – wurden sie ja schon ausreichend traumatisiert durch ihre Elterngeneration und verpasste Konsumchancen, da bleibt kaum Platz für die Zukunftschancen ihrer Kinder und Kindeskinder.

Für die Profiteure dieser globalen Verwertungskultur ist nützlich, dass die Hauptleidtragenden der ökologischen Krise, auch die weltweit wirtschaftlich und politisch Schwächsten sind. Die Stimmen der Millionen Kleinbauern und Tagelöhner werden nicht weit gehört, erst recht nicht, wenn Dürren, Stürme, Überschwemmungen, Krankheiten und Heuschrecken ihren Alltag bestimmen. „Praktisch“ zu weit entfernt für die Aufmerksamkeit unserer Tagesmedien. Ihr wirksamster politischer Beitrag ist der Handlungsdruck, der durch die wachsenden Migrationsströme ausgelöst wird, von all den Menschen auf der Flucht und auf der Suche nach würdigen Lebensbedingungen. 

Nie zuvor war der Bedarf nach mutigen und richtungsweisenden politischen Entscheidungen und mutiger Positionierung größer als heute. Doch auf der Suche, wie wir leben wollen und was richtig wäre zu tun, wird in den Wohlstandsinseln der Industrieländer meditiert und Yoga geübt, damit neben dem materiellen Überfluss und Langeweile auch mehr vom Sein gehabt werden kann – frei nach Erich Fromm. Alle 3,6 Sekunden verhungert ein Mensch, jährlich sterben über 6 Millionen Kinder weltweit an Malaria, Durchfall, Lungenentzündung, weitere 6 Millionen an den direkten Folgen von Armut. Aber das will niemand hören. Der medial verstärkte Ruf nach wohlklingenden Narrativen und schönen Visionen ignoriert und übertönt auf perfide Weise das Leid von Millionen Menschen weltweit, die Jahr für Jahr an Armut und fehlenden Pharmazeutika (für heilbare Krankheiten), an Wassermangel und in Kriegen sterben. Und hier rackern sie im Maschinenraum der „modernen“ Gesellschaft am Existenzminium für unseren sogenannten Wohlstand. 

Der Aufstieg von Lebensdienlichkeit

Dementgegen erscheint es der jungen Generation wie selbstverständlich, dass in einer begrenzten Welt eine auf unbegrenztes Wachstum orientierte Wirtschaft kurzsichtig und fatal für uns alle ist – und vor allem unglaublich dumm. Denn Übernutzung führt zu Auszehrung, zu Schwächung bis hin zum Kollaps. Nachhaltigkeit ist offenkundig eine existentielle Frage, an der sich alles, was wir unternehmen, messen lassen muss. Für all die jungen Heldinnen und Helden um FridayforFuture, ist ihre Zukunft des Anlasses genug, um sich mit Kraft und Mut für Zukunftsfähigkeit und globale Gerechtigkeit einzusetzen. Es gibt kein Zurück mehr.

Zukünftig wird Lebensdienlichkeit das neue Paradigma sein, denn die Bedrohung der Vielfalt des Lebens und unserer Lebensräume ist die wichtigste Herausforderung für die kommenden Generationen. Künftiger Maßstab erfolgreicher Wirtschaft und Politik werden ihre Beiträge zum Wiederaufbau (zur Regeneration) der ökologischen Lebensgrundlagen sein, denn diese bilden auch die Fundamente von Produktion und Nahrungssicherheit, unseres gesamten Daseins.

Wir brauchen eine regenerative (Markt)Ökonomie.

Eine regenerative (ökologisch aufbauende) Ökonomie würde uns allen und unserer natürlichen Mitwelt nützen, indem sie alle Schäden vollständig ausgleicht und zusätzlich Nutzen für die Gemeinschaft erschafft. Kern einer regenerativen Ökonomie sind ihre lebensweltlichen Wirtschaftsziele zur Sicherung alltäglicher Bedarfe, guter Lebensbedingungen und einer friedlichen und nachhaltigen Entwicklung – die Stabilisierung von Nahrungsketten und biogeochemischen Flüssen, die Stärkung biologischer und funktionaler Diversität von Ökosystemen, der Fruchtbarkeit von Böden, Landschaften und Gewässern und die Abspeicherung von CO2 in Biomasse. Hinzu kommt der Aufbau infrastruktureller Lebensgrundlagen zur Sicherung des gesellschaftlichen Miteinanders und der alltäglichen Versorgung in den Bereichen Energie und Wasser, Gesundheit und Bildung, Transport und Verkehr, in der Landwirtschaft und in den unternehmerischen Wertschöpfungs- und Logistikketten. Wird dies künftig zur Orientierung unserer Wirtschaft, dann wird für uns alle Zukunftsfähigkeit möglich.

Um den zwingend notwendigen Transformationsprozess für die Wirtschaft zu schaffen, müssen alle wirtschaftlichen Effekte, negative wie auch positive, auf die natürlichen Lebensgrundlagen (die auch die Produktionsgrundlagen sind) in die unternehmerischen Bilanzen einfließen. Das bedeutet, dass es neben der Handels- und der Steuerbilanz eine Integration aller Naturwirkungen in die Rechnungslegungsstandards benötigt. Die Belastungen müssen durch Reinvestitionen vollständig ausgeglichen werden. Die ökonomische Umsteuerung auf Lebensdienlichkeit braucht eine ordnungspolitische Wende, damit der Aufbruch in eine zukunftsfähige und klimaschützende, menschenfreundliche regenerative Wirtschaft gelingt. Dafür braucht es Mut zur Gestaltung und eine Sicherheit alltäglicher Bedarfsdeckung – weltweit, in allen Gesellschaften und für alle Menschen.

Über den Autoren: Dr. J. Daniel Dahm ist Geowissenschaftler und gilt als einer der Pioniere der Nachhaltigkeitsbewegung. Er ist u.a. Senior Advisor des World Future Council, Beirat von Scientists for Future und Mitglied der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler. Der Hamburger Klimawoche ist er als Beirat verbunden.

Dieser Text erschien als „Standpunkt“ am 25. September 2020 in der Hamburger Morgenpost. Foto: Pixabay